Wenn der Frieden endet
Es ist Silvester. Alle sind draußen, wünschen sich „Frohes neues Jahr“, während das Feuerwerk im Hintergrund knallt. Alle lachen und sind glücklich, umarmen einander und freuen sich. Alle? Nicht alle. Die einzigen, die nicht mit uns feiern, sind Svetlana und Maxim. Sie sind im Haus und haben sich im Zimmer eingeschlossen. Warum? Warum sind sie nicht mit uns draußen und feiern, dass ein neues Jahr beginnt? Darauf gibt es nur eine Antwort: Angst! Angst, ist das, was sie drinnen hält. Sie verbinden mit den Geräuschen nicht „Frohes Neues“, Glück und ein neuer Start. Für sie bedeutet es: Angst, Schrecken und vor allem Krieg.
Die Ukraine ist nach Russland der flächenmäßig größte Staat Europas, in dem 44 Millionen Menschen leben. Im Süden grenzt die Ukraine an das Schwarze Meer und das Asowische Meer und teilt Grenzen mit den osteuropäischen Ländern Belarus, Ungarn, Moldau, Polen, Rumänien, Russland und Slowakei. Das Land ist berühmt für seine beeindruckende Architektur und seine historischen Sehenswürdigkeiten. Seit dem 24.02.2022 herrscht in der Ukraine jedoch Krieg. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Russland rund 150.000 Soldaten an den Grenzen rund um die Ukraine zusammengezogen, die im Kriegsverlauf nahezu vollständig in die Ukraine eingerückt sind. Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine haben beide Seiten hunderttausende Tote und Verletzte zu beklagen. Unermessliche Zerstörungen, russische Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung, Verschleppungen, Vergewaltigungen und Diebstähle sind die Bilanz der „militärischen Spezialoperation“, wie der Krieg in Russland offiziell noch immer genannt wird.
Am Abend des 23.02.2022 aßen sie zu Abend. Svetlanas Mama sagte, dass es Krieg geben würde. Sie selber lachte und antwortete: ,,Wir leben im 21. Jahrhundert – welcher Krieg? Die Menschen einigen sich doch. Mit wem und wozu sollten wir Krieg führen?“ Am Morgen des 24.02.2022 um 5:00 Uhr, als alle schliefen, wurden sie durch Explosionen, Nachrichten auf dem Handy und Anrufe geweckt. Ihr Chef rief von der Arbeit an und sagte, dass sie nicht zur Arbeit kommen sollten – der Krieg habe begonnen. Zuerst herrschte völliges Unverständnis und Schock, danach kam die Angst. Sie verstanden nicht, was sie tun oder wohin sie fahren sollten – alles fühlte sich an wie in einem Albtraum. Als klar wurde, dass es Realität war, begannen sie, Dokumente und das Nötigste zu packen, Informationen zu suchen und darüber nachzudenken, wie sie sich und ihre Angehörigen schützen konnten. Sie fuhren aus der Stadt hinaus, aber auch dort war es nicht sicher. Flugzeuge flogen über die Stadt. Die Autobahn war überfüllt – Autos standen Stoßstange an Stoßstange. Stau. Chaos. In den Geschäften gab es keine Lebensmittel. Mit ihnen fuhren Svetlanas Bruder, seine Frau und die Kinder, Svetlanas Mutter, sie, ihr Mann und ihr Sohn Maxim. Da alle in Richtung Polen fuhren, entschieden sie sich ebenfalls dafür. Der Weg zur polnischen Grenze dauerte einen ganzen Tag, obwohl er normalerweise höchstens 10 Stunden dauert. Männer durften nicht ausreisen und Svetlanas Schwägerin und sie entschieden, dass sie in der Ukraine bleiben, während sie Svetlanas Mama direkt an der Grenze in einen Bus nach Polen setzten. Auf dem Rückweg nach Hause fuhren sie mit ausgeschalteten Scheinwerfern, im Dunkeln. Auf der Straße lagen erschossene Soldaten und ausgebrannte Militärtechnik. Zu Hause richteten sie den Keller so her, dass man dort schlafen konnte – in der Wohnung war es zu unsicher. Der Keller war feucht und kalt. Die Kinder wurden krank und Svetlanas Sohn Maxim hatte ständig hohes Fieber. Svetlanas Bruder und ihr Mann beschlossen, dass sie, ihre Schwägerin und die Kinder am nächsten Tag mit dem Bus die Ukraine verlassen würden – das stand nicht zur Diskussion. So kam sie nach Polen und danach nach Deutschland.
31.12.2025 – bis zu diesem Zeitpunkt wurden laut Zählung des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte mindestens 14.999 Todesopfer im Russland-Ukraine-Krieg festgestellt, darunter mindestens 763 Kinder. Die Ukraine und ihre internationalen Partner unternehmen Anfang 2026 weiterhin massive Anstrengungen, um die Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg aufrechtzuerhalten und den Wiederaufbau zu fördern. Die Strategie umfasst militärische, finanzielle und wirtschaftliche Maßnahmen. Die Ukraine baut ihre Verteidigungslinien, besonders im Donbass, intensiv aus. Außerdem betont sie die Notwendigkeit von mindestens 100 Milliarden Euro für die Verteidigung im Jahr 2026, um die russische Offensive abzuwehren. Die Ukraine investiert massiv in die eigene Rüstungsproduktion, um unabhängiger von westlichen Lieferungen zu werden. Die Europäische Kommission hat Pläne für eine kontinuierliche finanzielle Unterstützung der Ukraine für die Jahre 2026 und 2027 vorgelegt, um Stabilität zu gewährleisten. Deutschland plant, die Militärhilfe weiter zu steigern, wobei 2026 Hilfen im Umfang von rund 11,5 Milliarden Euro im Gespräch sind. Deutschland nimmt hierbei eine Führungsrolle ein. Der vorübergehende Schutzstatus für ukrainische Flüchtlinge in Deutschland wurde automatisch bis 04.03.2027 verlängert.
Ihr Tag beginnt mit dem Überprüfen der Alarmkarte, welche in Echtzeit anzeigt, in welchen Regionen des Landes aktuell ein Luftalarm erfolgt und den Nachrichten darüber, ob alle in Sicherheit sind. Dann folgen die normalen Dinge: Wenn es keinen Alarm gibt, geht ihr Sohn Maxim zur Schule und Svetlana fährt zur Arbeit. Aber den ganzen Tag über schaut sie trotzdem auf die Alarmkarte und liest Nachrichten – ob es Beschüsse geben wird. Es herrscht keinerlei Stabilität. Einmal während der Beschüsse hatte sie lange keinen Kontakt zu ihrem Bruder und seiner Familie. Der Strom war weg, es gab keine Verbindung. Diese Stunden der Ungewissheit gehörten zu den schlimmsten ihres Lebens. Es gibt Geräusche, die dazu gekommen sind, die man vorher nicht kannte. Sirenen des Luftalarms, Explosionen, das Dröhnen von Flugzeugen, das Geräusch der Luftabwehr. Diese Geräusche kann man mit nichts verwechseln. Der Alarm klingt wie in Deutschland der nächtliche Feueralarm, von dem sie aufwachte und Maxim weinte, als sie in Deutschland waren. Aber bei ihnen bedeutet es, dass Shahed-Drohnen oder Raketen fliegen, um sie zu töten. Und dann weiß sie nicht, ob sie in einer Stunde noch lebt. Ob diejenigen leben werden, die sie liebt. Wenn der Alarm aufgehoben wird, atmet sie einfach auf.
Stille. Ein ruhiger Schlaf. Ein Bett. Das fehlt. Sie schläft ständig im Flur – das ist inzwischen ihr Schlafzimmer. Sie schließt die Türen zu den Zimmern, damit sie die Geräusche der Shahed-Drohnen nicht so stark hört. Sie hört nur die Luftabwehr, wenn die feindlichen Raketen abgeschossen werden. Aber in letzter Zeit stürzen sie auf Häuser, in denen Menschen leben. Es gibt keine Sicherheit für den nächsten Tag und keine Möglichkeit, einfach keine Angst zu haben. Seit Beginn des Krieges hat Svetlana immer alle Dokumente, ihr Handy, ein Ladegerät, eine minimale Notfalltasche bei sich. Eine innere Grundanspannung begleitete sie durch den ganzen Tag. Ihre Großmutter hat ihr vom Krieg erzählt, aber das waren für sie nur Geschichten. Doch jetzt weiß sie, was Krieg wirklich bedeutet. Es entsteht das Gefühl, dass die gewohnte Welt in einem einzigen Moment zu Ende geht.
Seit dem Einmarsch Russlands im Februar 2022 hat es mehrere Runden von Friedensgesprächen zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges gegeben. Dennoch herrscht bis jetzt kein Kriegsende. Die Ukraine signalisierte Bereitschaft, Angriffe auszusetzten. „Wenn Russland nicht auf unsere Energieanlagen feuert, dann werden wir ihre nicht angreifen“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor Journalistinnen und Journalisten.
Junge Menschen, alte Menschen, Kinder sterben. Schmerz, das fühlt Svetlana, wenn sie den Krieg aus den Nachrichten sieht, während sie ihn selbst erlebt. Schockiert darüber, wie grausam Menschen sein können. Aber auch Hoffnung – wenn sie sieht, dass die Menschen durchhalten. Der Glaube daran, dass sie durchhalten und alles morgen vorbei sein wird, gibt ihr Kraft – „dieses Morgen“. Aber es kommt noch nicht. Das Gefühl von Sicherheit ist vollständig verschwunden. Ständige Angst. Beruhigungsmittel, welche Svetlana schon ausprobiert hat, helfen in diesem Leben nicht. Langfristige Planung ist unmöglich – sie lebt im Hier und Jetzt. Selbst einfache Dinge sind wertvoll geworden. Sie wacht auf – und allein das ist schon Glück: dass sie aufgewacht ist und dass alle leben. Sie sind den Krieg nicht gewohnt. Sie lernen einfach, unter Bedingungen zu leben, unter denen ein Mensch nicht leben sollte. Und jeder von ihnen hat jetzt nur einen Wunsch – dass der Krieg endlich endet.
Beitragsbild: pexels (zeigt Zerstörung aus Kiew, Ukraine)
