The Midnight Library – Eine inspirierende Geschichte, die zum Nachdenken anregt

Was wäre, wenn Du die Möglichkeit hättest, deine früheren Entscheidungen rückgängig zumachen? Wenn Du einen anderen Deiner unendlich vielen möglichen Lebenswege einschlagen könntest? Welchen würdest du wählen?

Handlung

Nora Seed aus Matt Haigs Roman „The Midnight Library“ muss sich mit genau dieser Frage auseinandersetzen. Sie ist 35 Jahre alt, als sie beschließt, ihr Leben zu beenden. In diesem Moment hinterfragt Nora all ihre Entscheidungen und denkt an die Möglichkeiten, die sie nicht wahrgenommen hat. In ihrer Jugend standen ihr alle Wege offen und sie hätte so viel aus ihrem Leben machen können: Sie war eine herausragende Schwimmerin, die es vielleicht bis zu den Olympischen Spielen geschafft hätte. Außerdem gründete sie eine Band mit ihrem Bruder und erhielt später von einer großen Agentur das Angebot, ein eigenes Album zu produzieren. Und wollte sie nicht früher Glaziologin werden und Expeditionen in die Arktis machen? Damals gab es immer Gründe, eine andere Entscheidung zu treffen. Schließlich beschloss Nora, Philosophie zu studieren. Allerdings hat sie nie ihren Master gemacht oder einen Beruf in dieser Richtung ergriffen. Auch eine Familie hat Nora nicht, keine Kinder und keinen Mann. Sie ist nicht mit ihrer besten Freundin nach Australien ausgewandert, sondern ganz alleine in derselben öden Kleinstadt geblieben, in der sie aufgewachsen ist. Als sie so darüber nachdenkt, wünscht sie sich, dass sie ihre Vergangenheit ändern könnte, dass sie doch olympische Schwimmerin geworden wäre, oder Musikerin, oder vielleicht geheiratet hätte… In ihrem tatsächlichen Leben fühlt sie sich so nutzlos und allein, dass sie versucht, Selbstmord zu begehen.

Trotz der Überdosis Schmerzmittel, die sie genommen hat, ist Nora nicht gestorben. Stattdessen betritt sie eine riesige Bibliothek, deren Gänge sich ins Unendliche erstrecken,mit Regalen voller Bücher in unterschiedlichen Grüntönen. Verblüfft schaut sie sich um und begegnet einer alten Bekannten. Dort, mitten in der seltsamen Bibliothek, steht Mrs. Elm, die Bibliothekarin ihrer ehemaligen Schule. Mrs. Elm begleitet Nora während ihres ganzen Aufenthalts in der „Midnight Library“. Zu Beginn erklärt sie ihr die Regeln dieses Ortes, der zwischen der Welt der Toten und der Lebenden liegt und an dem die Zeit immerstill steht. Jedes Buch ermöglicht es ihr, in ein anderes Leben einzutauchen, jedes Buch steht für eine andere Entscheidung, die Nora hätte treffen können. Dabei kann sie aber nicht in die Vergangenheit reisen. Nora kann nur zu dem jetzigen Zeitpunkt in ein anderes Leben hineingehen. In der „Midnight Library“ ist es nun mal immer 12 Uhr nachts. Wenn Nora dann dort ist, muss sie selbst herausfinden, was bis zu diesem Zeitpunkt in ihrem neuen Leben passiert ist. Sie erhält von Mrs. Elm die Aufgabe, sich ein Leben auszusuchen, das sie nach dem tatsächlichen Eintritt ihres Todes führen möchte. Wenn sie zu große Unzufriedenheit über eines der Leben empfindet, verlässt sie dieses automatisch und landet wieder in der Bibliothek. Damit beginnt für Nora eine aufregende Reise, die ihre Sicht auf das Leben verändern wird.

Kernaussage – worum es eigentlich geht

Mit jedem neuen Leben lernt Nora und gewinnt weitere Erkenntnisse dazu. Jeder Rückschlag ist Teil ihrer gewaltigen, positiven Charakterentwicklung. Nach den ersten Versuchen, ein besseres Leben zu finden, ist sie enttäuscht und verzweifelt. Sie hat nicht das Gefühl, darin glücklich zu sein. Obwohl sie die Dinge verändert, die sie in ihrem eigentlichen Leben bereut hat, ist sie noch immer mit undenkbar vielen Problemen konfrontiert. Zuerst scheint sie dadurch die Motivation zu verlieren und kommt zu dem Schluss, dass es für sie vermutlich gar kein glückliches Leben gibt. Aber zugleich wird auch die Last des „Book of Regrets“, welches Mrs. Elm ihr zeigt, leichter. Zu Beginn hat das Gewicht ihres Bedauerns sie fast erdrückt. Jetzt merkt Nora, dass sie sogar ganz froh ist, einige Entscheidungen nicht getroffen zu haben. Das ist die erste Erkenntnis, die sie inder Bibliothek hat: Es hätte sie auch schlechter treffen können. Es ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, aber längst nicht genug.

Als Glaziologin muss Nora plötzlich um ihr Leben fürchten, als sie einem Eisbären begegnet und dieser auf sie zukommt. Angst und Adrenalin rasen durch ihren frierenden Körper und sie hofft, noch rechtzeitig zur „Midnight Library“ zurückzukehren. Da wird ihr klar, dass sie gar nicht mehr sterben möchte, dass sie an ihrem Leben hängt, dass sie noch nicht bereit ist, aufgeben. Sie überlebt.

Je mehr unterschiedliche Leben Nora ausprobiert, umso deutlicher sieht sie, dass keines davon perfekt ist. In jedem begegnen ihr andere Schwierigkeiten. Manche machen sie im ersten Moment so glücklich und offenbaren später ein trauriges Schicksal.

Außerdem versteht Nora, dass man es nicht allen anderen recht machen muss. Sie wählt ein Leben aus, das ihrem Vater gefallen hätte oder ihrem Bruder oder ihrer Freundin. Aber keines davon gefällt ihr selbst und kann sie langfristig zufrieden stellen.

Irgendwann, nach unzähligen Versuchen, findet Nora ein unglaublich schönes Leben. Sie lehrt als Professorin Philosophie an der Uni, ist glücklich verheiratet und hat eine Tochter. Überwältigt von der Liebe, die sie in ihrer Familie empfindet, verbringt sie mehrere Wochen in diesem Leben. Das ist das richtige Leben, denkt Nora und hofft, für immer dort bleiben zu können. Aber ein lästiger Gedanke in ihrem Hinterkopf lässt sie nicht in Ruhe . Hat sie nicht einfach einen Großteil ihres Lebens übersprungen? Ihr fehlen so viele Momente und Erlebnisse mit ihrer Familie, bei denen sie nicht wirklich dabei war. Einfach so ist sie mitten in dieses Leben geplatzt, war nicht bei ihrer Hochzeit, hat nicht den Namen ihrer Tochter ausgesucht oder das Haus gekauft. Zum Einen kommt ihr das ungerecht vor, als hätte sie das Glück überhaupt nicht verdient. Zum Anderen missfällt ihr der Gedanke, all diese Erfahrungen nicht selbst erleben zu können. Deshalb ahnt sie schon lange, dass sie nicht in diesem Leben bleiben kann. Es ist nämlich nicht wirklich ihr Leben, sondern das einer Fremden. Von Neugier ergriffen beschließt sie, in ihre eigentliche Heimatstadt zu fahren. Was sie dort sieht, schockiert sie: Der Laden, in dem sie gearbeitet hat, ist geschlossen. Ihr begabte Klavierschüler wird von der Polizei abgeführt. Und ihr freundlicher, älterer Nachbar, für den sie vor ihrem Suizidversuch immerdie Medikamente abgeholt hat, muss gegen seinen Willen im Pflegeheim wohnen, obwohl er doch körperlich und geistig noch fit ist. Sie begreift, dass sie der Grund für die Veränderungen ist. Denn sie war in ihrem eigentlichen Leben für diese Menschen da. Sie war niemals nutzlos…

Nora findet sich selbst in der Bibliothek wieder. Doch dort ist es nicht mehr so ruhig wie zuvor. Die Regale beben, Bücher stürzen zu Boden und es bricht ein Feuer aus, das alles zu verschlingen droht. Zuerst denkt Nora, dass sie nun wirklich stirbt. Dann aber erinnert Mrs. Elm sie daran, dass dies ihre Bibliothek ist. Sie ist der Grund für die Existenz der „Midnight Library“. Jetzt hat diese ihren Zweck erfüllt: Nora hat sich entschieden, dass sie ihr richtiges Leben zurückhaben möchte. Auch wenn es im Leben niemals nur Positives gibt, auch wenn das Leben Leid bedeutet, möchte sie die Chance haben, zu leben. Zu leben und all das Schöne mitzunehmen. Die Reise in der Bibliothek war für Nora also eine Möglichkeit der Selbstreflexion und des persönlichen Lernprozesses. Die Zerstörung der „Midnight Library“ zeigt, dass es nie ihr eigentliches Ziel war, ein neues Leben für Nora zu finden, sondern ihr zu verdeutlichen, wie wertvoll ihr echtes Leben ist. Der Autor versucht an anderen Stellen, Noras Weg durch die unterschiedlichen Leben mit Paralleluniversen zu erklären. Für den Ausgang der Geschichte macht es letztendlich keinen Unterschied, ob all das tatsächlich geschehen ist oder nur in Noras Kopf stattgefunden hat. Wichtig ist, welche Erkenntnis sie daraus zieht: Kurz bevor die Bibliothek komplett zusammenbricht, kehrt sie in ihr eigentliches Leben zurück.

Das Schachbrett

Das Schachbrett ist eine wiederkehrende Metapher in dem Roman und stellt Noras Entwicklung anschaulich dar. Wenn sie früher mit Mrs. Elm gespielt hat, hat sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Dame gerichtet. Nora glaubte, das Spiel verloren zu haben, sobald die Dame geschlagen war. Mit der Zeit aber verändert sich ihre Sicht auf das Spiel.Das Buch endet damit, dass sie Mrs. Elm im Pflegeheim besucht und mit ihr Schach spielt.Zu Mrs. Elms Überraschung erklärt Nora ihr, dass das Spiel nicht entschieden ist, solange noch ein Bauer auf dem Schachbrett steht. Das Schachbrett steht hier für das Leben und all die Möglichkeiten, die es bietet.

Leseempfehlung

Das Besondere an dem Roman ist, dass sich das Ende bereits zu Beginn erahnen lässt. Der Leser geht davon aus, dass Nora aus dieser Erfahrungen lernen wird. Denn der Autor möchte schließlich auch eine Botschaft vermitteln und den Leser zum Nachdenken anregen. Ich habe keine spannenden, unvorhersehbaren Plot Twists von dem Roman erwartet. Stattdessen sollte der Fokus ganz auf Noras Charakterentwicklung liegen. Sie befindet sich anfangs in einer Situation, die viele Leser kennen: Nora bereut ihre Entscheidungen und lebt mehr in der Vergangenheit als im Hier und Jetzt. Es gibt nicht den einen traumatischen Schicksalsschlag, der sie dazu bringt, ihr Leben zu beenden. Sondern sie hinterfragt den Sinn ihrer Existenz und ihre Bedeutung für andere. Sie ist eine„normale“ Person mit Ängsten, die wir alle kennen. Daher fühlt man von der ersten Seite an mit ihr. Der Leser möchte, dass sie endlich lernt und versteht, er wartet gespannt auf ihre Erkenntnis und kann sie bei ihrem Entwicklungsprozess begleiten. Ich denke, dass vor allem wir Schüler, die kurz vor dem Abschluss oder am Anfang der beruflichen Karriere stehen, von Noras Geschichte lernen können. Sie hat das erlebt, wovor wir eventuell Angst haben: Das Gefühl, die falschen Entscheidungen getroffen zu haben. Ich sehe viele in meinem Alter, die Angst vor ihrem Leben als Erwachsene haben. Wir denken, wir stünden vor den wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens: Wo ziehe ich hin? Welche Freundschaften werden die Jahre überstehen? Vor allem: Welchen Beruf will ich später ausüben? Und wir glauben, wie Nora zuerst, dass es zwischen diesen unendlichen Möglichkeiten die eine richtige Wahl gibt. Das perfekte Leben. Aber „The Midnight Library“ erinnert uns daran, dass das Leben nicht schwarz und weiß ist. Jede Entscheidung bringt sowohl Gutes als auch Schlechtes mit sich. Niemand kann vorher schon alle Folgen absehen und abwägen. Das bedeutet jedoch auch, dass wir auf verschiedene Arten glücklich sein können. Wir haben stets die Möglichkeit, das Beste aus unserem Leben zu machen. Dabei ist nicht jede Entscheidung, welche nicht direkt zu Ziel führt, falsch. Sie lässt uns lernen und verstehen. Vielleicht ändert sich auch das Ziel, von dem man vorher noch so überzeugt war. Ich empfehle den Roman also all denjenigen, die sich zu viele Sorgen machen, die zu große Angst vor Fehlern haben. Außerdem zeigt uns Noras Reise, dass wir am Ende unsere eigenen Entscheidungen treffen müssen. Niemand sonst weiß, was Dich glücklich macht. Wir können uns Rat von Familie und Freunden holen, gerade wenn sie viel Erfahrung haben. Aber letztendlich sollte jeder die Möglichkeit haben, seine eigenen Träume zu verwirklichen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.